Die jüngst veröffentlichten Antworten des Hamburger Senats auf eine Große Anfrage der Regierungsfraktionen zeigen: Der NSU war keine isolierte Gruppierung, sondern tief in der rechten Szene verwurzelt (siehe Anlage). Zugleich wird deutlich, wie dringend eine weitergehende Aufarbeitung ist. Um ein klares Bild von Struktur und Rolle rechter Netzwerke zu erlangen, müssen die vorliegenden Informationen über Kontakte, Taten und Ideologien von wissenschaftlicher Seite eingeordnet und mit bisherigen Erkenntnissen verknüpft werden. Genau das soll die von Rot-Grün initiierte wissenschaftliche Studie leisten, für deren Aufbau bereits ein wichtiger Schritt geleistet wurde: Auf ihren Fraktionssitzungen bestimmten SPD und Grüne ihre Mitglieder für den parlamentarischen Beirat, der die Studie begleiten soll.
Dazu Sina Aylin Koriath, Sprecherin für Strategien gegen Rechts der Grünen Fraktion Hamburg: „Unsere Große Anfrage und die ausführlichen Antworten des Senats stellen mögliche Verbindungen der NSU-Mitglieder nach Hamburg in den Fokus. Eines zeigt sich hier schon deutlich: In Hamburg gab es zu der Zeit tiefgehende rechtsextreme Strukturen und die Täter des NSU waren nicht nur zu Dritt. Sie konnten sich auf ein dahinterstehendes, komplexes rechtes Netzwerk stützen. Damit diese Verbindungen umfassend aufgearbeitet werden können, ist eine weitergehende wissenschaftliche Erforschung notwendig. So sollte beispielsweise erforscht werden, welche konkrete Rolle Propagandaschriften aus Hamburg, die norddeutsche Rechtsrockszene und Hamburger Rechtsextremist*innen im NSU-Komplex spielten. Das Gleiche gilt für die Frage, an welchen Stellen in der Ermittlungsarbeit anders gehandelt hätte werden müssen. Die von uns auf den Weg gebrachte wissenschaftliche Studie ist der richtige Schritt, um diesen Sachverhalten in aller Tiefe und Komplexität auf den Grund zu gehen. Als Regierungsfraktionen haben wir nun erste wichtige Weichen gestellt und in den Fraktionssitzungen unsere Mitglieder für den parlamentarischen Beirat bestimmt. Ich freue mich sehr darüber, gemeinsam mit den Kolleg*innen die wissenschaftliche Studie im Rahmen des Beirats konstruktiv zu begleiten.“
Dazu Sören Schumacher, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Hamburg: „Der Kampf gegen Rechtsextremismus hat für uns oberste Priorität. In den vergangenen Jahren haben wir diesen gemeinsam in der rot-grünen Koalition intensiv vorangetrieben: Um Hasskriminalität im Netz zu bekämpfen, wurde in Hamburg die Koordinierungsstelle ‚OHNe Hass‘ eingerichtet, mit der Cyber-Einheit ‚Nazijäger‘ geht Hamburg darüber hinaus konsequent gegen Plattformen vor, die Hass und Hetze im Internet verbreiten. Das Kompetenznetzwerk Rechtsextremismus stärkt die Zusammenarbeit aller Expert:innen behörden- und institutionenübergreifend, auch setzen wir uns für mehr Kontrollen im Waffenrecht ein. Hamburg ist ‚Stadt mit Courage‘ – damals wie heute bekämpfen wir aktiv rechtsextreme Strömungen in unserer Gesellschaft. Ein sicheres und friedvolles Leben aller Hamburger*innen ist und bleibt Ziel unserer Arbeit. Die Antworten auf die Große Anfrage dokumentieren die umfangreiche und intensive parlamentarische Beteiligung zum NSU. Nun gilt es, die Ergebnisse rund um das Netzwerk weiterzuführen: 20 Jahre nach der Ermordung von Suleyman Tasköprü schlagen wir mit dem wissenschaftlichen Beirat einen neuen Weg der Aufarbeitung ein, in dem ergebnisorientiert der verbliebenen Fragen nachgekommen werden kann. Eine wissenschaftliche und interdisziplinäre Aufarbeitung der rechtsterroristischen Vereinigung NSU in Hamburg schafft Transparenz und Aufklärung. Ich bin froh, dass vier unserer Abgeordneten die Arbeit des wissenschaftlichen Beirats parlamentarisch begleiten werden und wir darüber hinaus einen Arbeitskreis einsetzen, der sich fraktionsintern intensiv mit der Aufarbeitung beschäftigen wird.“


Neuste Artikel
Rechtspolitik
Städtische Unternehmen – Rot-Grün will digitale Kommunikation mit Gerichten verbindlich festschreiben
Die Kommunikation städtischer Unternehmen mit den Hamburger Gerichten erfolgt häufig noch analog und muss aufwendig digitalisiert werden. Die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen setzen sich daher dafür ein, die Kommunikation städtischer Unternehmen mit den Gerichten verbindlich auf digitale Verfahren umzustellen und so die Justiz spürbar zu entlasten. Künftig sollen städtische Unternehmen ausschließlich elektronische und sichere…
Mobilität
Hohe Nachfrage nach günstigem Ticket – Knapp 13.000 neue Jobtickets für städtisch Beschäftigte
Seit Anfang April zahlen die Beschäftigten der Stadt Hamburg nur noch 44,10 Euro für ihr Deutschlandticket, statt wie zuvor 63 Euro. Die Nachfrage ist groß: Innerhalb weniger Wochen haben 12.923 Beschäftigte ein neues Jobticket beantragt, darunter 7.438 Tarifbeschäftigte und 5.485 Beamt*innen, Richter*innen sowie Rechtsreferendar*innen. Das geht aus der Senatsantwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage (SKA)…
Antidiskriminierung
Senats-Kampagne zur Teilhabe von Sinti und Roma – Demirel: Die Mehrheit muss hinsehen und Antiziganismus bekämpfen
Noch immer leiden Sinti und Roma im Alltag darunter, diskriminiert und ausgegrenzt zu werden. Eine neue Kampagne des Hamburger Senats, die heute vorgestellt wurde, soll für mehr Sichtbarkeit und Teilhabe der Sinti und Roma sorgen und dabei helfen, ihre Diskriminierung aktiv zu bekämpfen. Die Grüne Fraktion begrüßt diese Maßnahme als wichtigen Schritt im Kampf gegen…
Ähnliche Artikel
Strategien gegen Rechts
Hinweisstelle gegen Rechtsextremismus – Koriath: „Reichsbürgerbewegung steht in Hamburg genau unter Beobachtung“
In Hamburg gibt es seit gut zwei Jahren die Zentrale Hinweisaufnahme Rechtsextremismus (ZHA-R). Ihr Ziel ist es, mit Hilfe von aus der Bevölkerung eingehenden Hinweisen, Radikalisierungstendenzen frühzeitig zu erkennen sowie größere Zusammenhänge und Netzwerke zu identifizieren. Die Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Grünen Abgeordneten Sina Aylin Koriath und Sina Imhof zeigt…
Innenpolitik
Ein Jahr Zentrale Hinweisaufnahme Rechtsextremismus – Frühzeitige Radikalisierung erkennen und Demokratie schützen
Mit dem Ziel, Radikalisierungstendenzen frühzeitig zu erkennen und größere Zusammenhänge zu identifizieren, hat die beim Hamburger LKA angesiedelte Zentrale Hinweisaufnahme Rechtsextremismus (ZHA-R) vor einem Jahr ihre Arbeit aufgenommen. Aus der Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage (siehe Anlage) der Grünen Abgeordneten Sina Demirhan und Sina Imhof geht hervor, dass die ZHA-R beansprucht wird…
Strategien gegen Rechts
10 Jahre Selbstenttarnung des NSU – Demirhan: „Morde des NSU und damit verbundene Netzwerke sind keine abgeschlossenen Akten“
Gestern vor zehn Jahren offenbarte sich mit der Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios auf erschreckende Weise die verheerende und bis dahin verkannte Dimension des Rechtsterrorismus in Deutschland. Die GRÜNE Bürgerschaftsfraktion ist sich bewusst, dass die Stadt Hamburg besondere Verantwortung trägt, um rechte Netzwerke aufzudecken. Dazu Sina Aylin Demirhan, Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus: „Tief verwurzelte rassistische Denkmuster der Gesellschaft haben…